Missstände in der Landwirtschaft

Zustände in der konventionellen Landwirtschaft

Tiere in der konventionellen Landwirtschaft gelten meist nur noch als billiges Massenprodukt. Sie sind zu reinen Produktionsgütern verkommen. Hier zählt ein Tierleben für die Industrie kaum mehr etwas.

Über Jahrzehnte wurde die Tierhaltung auf immer höhere Leistungen zu immer niedrigeren Preisen getrimmt. Das Ergebnis ist eine Maschinerie mit enger Taktung. Alles hat seine exakten Abläufe, die gegenseitig voneinander abhängig sind. Statt kleiner Bauernhöfe gibt es große Produktionshallen, in denen die Tiere aufgezogen werden. Statt örtlicher Schlachtereien nur noch große Schlachthöfe. Diese Zentralisierung birgt große Gefahren, wie das Beispiel des Schweinestaus bei Tönnies, Deutschlands größtem Schlachthof, gezeigt hat: Werden dort im Normalbetrieb täglich bis zu 25.000 Schweine geschlachtet, kam die Schlachtung 2020 Corona-bedingt zum Erliegen. Durch den Produktionsstopp bildete sich ein Stau der Tiere bei den Schweinemästern, unter dem die Schweine zusätzlich qualvoll litten.

Flexibel ist ein solches System nicht und auf das einzelne Tier wird schon lange nicht mehr geachtet. Einzelne Tiere haben kaum mehr einen wirtschaftlichen Wert – insbesondere beim Geflügel. Die Verlustraten während der Haltung werden bereits bei der Planung der Besatzdichte mit einberechnet. Bei Putenhähnen beispielsweise ist es nicht ungewöhnlich, dass jedes zehnte Tier stirbt. Eine individuelle medizinische Behandlung gibt es beim Geflügel nicht, schwer kranke Tiere werden vom Tierhalter getötet oder verenden von alleine.

Trostloses Dasein

Die Tiere in der konventionellen Haltung leben in einer reizarmen, unstrukturierten Umgebung. Sie haben wenig bis gar kein Beschäftigungsmaterial. Der Stall weist keine unterschiedlichen Funktionsbereiche auf und die Tiere werden gedrängt auf engem Raum gehalten. Die Tiere haben so kaum Möglichkeiten ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. Die häufige Folge sind Verhaltensstörungen, die erhebliches Leiden verursachen und durch Aggressionen gegen andere Tiere bis zum Tod führen können.

In der konventionellen Tierhaltung gibt es keinen Auslauf ins Freie und meist keine natürliche Belüftung, dafür aber künstliches Licht. Die Tiere haben keinerlei Kontakt nach Außen und müssen ihr Leben in einer tristen, künstlichen Umgebung fristen.

Krankheiten und Antibiotika

Die schlechten Haltungsbedingungen und Hochleistungszucht führen zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Hohe Besatzdichten und große Tiergruppen erleichtern die rasante Ausbreitung von Erregern, die Folge ist ein massiver Einsatz von Antibiotika. Insbesondere beim Mastgeflügel werden auch sehr häufig die für den Menschen so wichtigen Reserveantibiotika verwendet.

Transport und Schlachtung

Die Tiere leiden unter den schlechten Transportbedingungen, den langen Strecken und den Transporten bei großer Hitze. Sehr junge Tiere, die noch auf die Milch ihrer Mutter angewiesen sind, werden über lange Strecken transportiert, ohne dass sie auf dem Transporter überhaupt getränkt werden können – ein unhaltbarer Zustand! Während des Transports und auf dem Schlachthof erleiden sie große Angst und Stress. Es kommt zu Fehlbetäubungen und zum Einsatz von tierschutzwidrigen Betäubungsverfahren wie CO2-Betäubung beim Schwein oder die Wasserbadbetäubung bei Geflügel.

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Legehennen werden ausschließlich auf Legeleistung gezüchtet. Daher setzen die Hähne kaum Fleisch an. Sie sind aus wirtschaftlicher Sicht wertlos. Die männlichen Küken der Legehennen werden daher sofort nach ihrem Schlupf oder noch im Ei getötet.

Masthühner und Puten werden auf schnelles Wachstum und hohen Muskelansatz gezüchtet. Skelett- und Herz-Kreislaufsystem können mit dem rasanten Wachstum jedoch nicht Schritt halten, weshalb diese Tiere sehr häufig an zuchtbedingten Krankheiten wie Lahmheit und Herzversagen leiden.

Geflügel wird in der Regel in Bodenhaltung auf Einstreu gehalten, ein kleiner Teil der Legehennen derzeit auch noch in Käfighaltung. Die Einstreu wird jedoch während der Produktionsperiode nicht gewechselt, lediglich nachgestreut. Die feuchte und verschmutzte Einstreu führt zu Fußballenentzündungen und Hautkrankheiten. Sie setzt Ammoniak frei, das die Atemwege reizt und damit Infektionskrankheiten den Weg bereitet. Der Kot aus der Einstreu gelangt auf die anderen Tiere und erleichtert so Darminfektionen.

Um die Folgen von Verhaltensstörungen zu verringern, werden Puten die Schnäbel gekürzt. So werden die Todesfälle durch gegenseitiges Behacken in Grenzen gehalten. Es rechnet sich mehr, die Tiere zu manipulieren, statt ihnen den Platz zu geben, den sie für ein tiergerechtes Leben brauchen.

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Bei Schweinen wird auf große Würfe gezüchtet. Dadurch kommt es vermehrt zu überzähligen Ferkeln, die lebensschwach sind und für die es nicht genug Zitzen gibt. Diese Ferkel verenden häufig oder werden tierschutzwidrig getötet.

Schweine werden meist auf Vollspaltenböden gehalten. Das führt zu haltungsbedingten Schäden, wie Wundliegegeschwüre und Klauenverletzungen. Die Tiere haben keinen vernünftigen Liegeplatz, sie koten und schlafen am gleichen Ort und die andauernde Schadgasbelastung aus der Gülle reizt die Atemwege und kann zu Infektionen führen.

Um die Folgen von Verhaltensstörungen zu verringern, werden Schweinen die Schwänze gekürzt. So können sie sich die Schwänze nicht gegenseitig abbeißen. Außerdem werden männliche Ferkel zur Vermeidung des Ebergeruchs kastriert.

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Auch bei Rindern sieht es nicht viel besser aus. Milchrinderrassen beispielsweise sind ausschließlich auf hohe Milchleistung gezüchtet. Daher ist der Fleischansatz bei männlichen Tieren nicht ausreichend, was dazu führt, dass männliche Kälber kaum noch einen finanziellen Wert für den Landwirt haben.

Ihre Pflege und Gesundheitsversorgung wird daher vernachlässigt, sie verenden häufiger als weibliche Kälber und werden, wenn sie überleben, mit wenigen Wochen verkauft und zur Mast ins Ausland transportiert.

Auch Mastrinder werden meist auf Vollspaltenböden gehalten, was auch bei ihnen, genauso wie bei den Schweinen, zu haltungsbedingten Schäden bis hin zum Sehnenriss, Reizung der Atemwege und Infektionen führen kann.

Was ist die „Borchert-Kommission“?

Bundesministerin Julia Klöckner hat 2019 das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung unter Leitung von Jochen Borchert eingesetzt. Die „Borchert-Kommission“ sollte verschiedene Vorschläge dazu entwickeln, wie ein Umbau der landwirtschaftlichen Tierhaltung hin zu einem Mehr an Tierschutz umgesetzt und finanziert werden kann.

Im Februar 2020 stellte das Kompetenznetzwerk seine Ergebnisse vor: Es schlägt unter anderem vor, über ein Tierwohlkennzeichen und gezielte Förderpolitik die Nutztierhaltung über Zwischenstufen umzugestalten. Dies bedeutet, langfristig mehr Platz, Außenklimabereiche, Struktur und Beschäftigungsmaterial für die Tiere zu schaffen. Auch wenn wir bei der Umsetzung weitere Verbesserungen für nötig halten, finden wir es doch entscheidend, dass sich endlich etwas bewegt.

Doch dann vergingen mehrere tatenlose Monate, bis der Bundestag die Bundesregierung im Juli 2020 aufforderte, Pläne für die Umsetzung der „Borchert-Empfehlungen“ vorzulegen. Wiederum erst im Spätherbst 2020 gab das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, die klären sollte, inwieweit eine Abgabe für höhere Tierwohlstandards in Deutschland rechtskonform ist. Der Veröffentlichungstermin wurde mehrfach verschoben, bis die Studie dann Anfang März endlich vorgestellt wurde. Die Machbarkeitsstudie belegt eindeutig, dass die vorgeschlagenen Finanzierungswege zulässig sind, um den Umbau der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung zu gestalten.

Unsere Forderungen

Die landwirtschaftliche Tierproduktion steht seit Jahren kritisch im Fokus der Öffentlichkeit und verliert zunehmend und weiter an gesellschaftlicher Akzeptanz. Der Fleischverzehr ist in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren stetig gesunken. Seitens der Politik wurden wiederholt Initiativen, zum Beispiel das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, gestartet, um die Haltung und den Umgang mit so genannten „Nutz“tieren zu verbessern. Grundlegende Verbesserungen im Tierschutz und im System Landwirtschaft blieben aber bis dato aus. In Anbetracht dessen sind aus tierschutzpolitischer Sicht im Sinne einer umfassenden Strategie dringend Maßnahmen geboten, um den Umgang mit den landwirtschaftlich gehaltenen Tieren unverzüglich deutlich zu verbessern und den Ausstieg aus der Haltung von Tieren zur Gewinnung von Lebensmitteln einzuleiten.

Wir fordern daher:

  • Den sofortigen umfassenden Umbau des Agrarsektors auf Basis der Empfehlungen der Borchert-Kommission hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, dabei insbesondere hervorzuheben, zu konkretisieren bzw. zu ergänzen:
    • Umgehende Verbesserung des Ordnungsrechts in Bezug auf Tierschutz sowie die Erweiterung auf fehlende Tierarten hinsichtlich Haltung, Transport und Schlachtung sowie dessen adäquate Kontrolle und Vollzug (u.a. sofortiger Baustopp tierwidriger Haltungssysteme, bspw. Warmställe, Verbot nicht-kurativer Eingriffe, Abkehr von Hochleistungszucht)
    • Verbot von langen Tiertransporten (> 8 Stunden), im Besonderen Verbot von Lebendtiertransporten in Drittstaaten
    • Ausweitung der Kontrolle tierschutzrechtlicher Vorschriften
    • Aufbringung von Finanzmitteln zur Transformation der landwirtschaftlichen Tierhaltung und gezielte Förderung hoher Tierschutzstandards
    • Einführung einer verpflichtenden Tierwohlkennzeichnung auf nationaler Ebene
  • Ein gesetzliches Verbot für das Anbieten tierischer Produkte als Billigware
  • Dezentralisierung der Landwirtschaft (Aufzucht,  Haltung, Schlachtung) zur Vermeidung von Tiertransporten
  • Drängen auf die sofortige Einführung einer ambitionierten verpflichtenden Tierwohlkennzeichnung auch auf EU-Ebene
  • Die verstärkte Förderung einer pflanzlichen Ernährungsweise
  • Aberkennung wirtschaftlicher Gründe als „vernünftiger Grund“ im Sinne des §1 des Tierschutzgesetzes


Unsere gesamten Forderungen an die Politik findest Du hier.